„Mit Rechten reden“ – aber wie?

Pegida, „Ein Prozent“, die Alternative für Deutschland (AfD), der Verlag Antaios – in unserem Land macht sich ein Aufschwung patriotischer Bewegungen bemerkbar, der auch dem linken Establishment nicht verborgen geblieben ist. Mit zunehmender Nervosität versuchen jetzt Wissenschaftler, Autoren und Kulturschaffende Gegenstrategien gegen diese bedenklichen Vorgänge zu entwickeln. „Ein Prozent“ hat sie dabei besucht.

Wozu mit den Bösen sprechen?

Geladen hatte das Schauspielhaus Dresden zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Invektivität – Mit Rechten reden“ – auf der Bühne sollten neben den Autoren des Buches „Mit Rechten reden“ auch vier Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität Dresden über das Thema sprechen. Was das genau sein soll, darüber herrschte zu Beginn wenig Klarheit – genauso wie über den Fantasiebegriff „Invektivität“. Denn obwohl der ein oder andere Diskutant durchaus in Erwägung zog, „mit Rechten zu reden“, so kristallisierte sich relativ schnell heraus, dass nur die wenigsten tatsächlich mit dem ungeliebten politischen Gegner zu sprechen bereit waren – mal wurde dies offen formuliert, mal, in schöne Worte verpackt, verschleiert.

Eigene Widersprüche und rechte Taktiken

Begonnen wurde mit einer Lesung aus dem Buch. Dort wurde dann auch gleich der inhaltliche Rahmen für den Abend gesteckt. Es wurde festgehalten: „Über die Inhalte kriegt man die Rechten nicht“. Und: „Wir fühlen uns nicht in unserer Identität bedroht“. Wir – das sind die Guten, die Linken, die Nicht-Rechten. Ihr – das sind die angesprochenen Rechten, die schmutzigen Männer. Wenig später wird dann in der Diskussion wieder darauf verwiesen, dass die Unterteilung in das „eigene“ und das „andere“ eigentlich typisch rechts sei. Die eigene Widersprüchlichkeit fällt den Podiumsgästen offenbar nicht auf. Generell hatte die Diskussion auf der Bühne des Schauspielhauses etwas von Selbstbeweihräucherung – schließlich wissen alle Anwesenden, dass sie auf der richtigen Seite stehen und man müsste den „Rechtsruck“ jetzt nur noch formal und in akademischer Manier widerlegen. Gerne möchte man die Gesellschaft vor dem falschen, rechten Einfluss bewahren – dazu deckt man das „Spiel“ der Rechten auf: So sei es Strategie der Bösen, sich in den Diskurs zu drücken (einer der Podiumsgäste nimmt als Beispiel die „gescheiterte Frankfurter Buchmesse“, da dies dort geklappt habe) und man habe dann nur die Möglichkeiten, sich entweder den Rechten auf inhaltlicher Ebene zu stellen (was rechte Positionen legitimieren könnte) oder ihnen die Bühne zu verbieten (was die Rechten wieder in eine Opferrolle rücken würde).

Ist nicht alles ein Spiel?

Dabei fällt keinem der Wissenschaftler und Autoren auf, dass ihre Taktikansätze zum Umgang mit Rechten letztendlich auch nur ein Spiel tuschieren sollen: Thema war etwa der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland, der mit seinen Äußerungen über den „Vogelschiss“ der kollektiven Meinung auf der Bühne zu weit gegangen sei. Vorher hätte man mit ihm reden können, nun habe er sich selbst disqualifiziert. Dahinter stecke nur die perfide Taktik des 77-Jährigen, den „Raum des Sagbaren“ zu erweitern. Das klingt in der Theorie logisch, in der Praxis soll Gauland und damit den Rechten nur ein Stöckchen hingehalten werden. Springt er drüber, findet man sicher etwas anderes, mit dem er „zu weit geht“ und wofür er dann Abbitte leisten müsse. Das ist altbekannte Praxis in einer Gesellschaft, in der eine Schlinge um die Meinungsfreiheit gezogen werden soll.

Einschießen auf Schnellroda

Eine noch prominentere Rolle wird „Ein Prozent“-Mitbegründer Götz Kubitschek zugedacht. Schon im ersten Kapitel des Buches und damit am Anfang der Veranstaltung wird er und sein Organ „Sezession“ (wunderbar von der VorlesendenBirte Leest zu „Sezennsion“ verstümmelt) als einer der Dreh- und Angelpunkte einer Rechten ausgemacht, die mit der Gesellschaft und den Linken nur Spielchen spielen will. Dabei gehen die Meinungen recht weit auseinander: Während die beiden anwesenden Autoren Per Leo und Maximilian Steinbeis Kubitschek und seiner Frau Ellen Kositza durchaus Respekt zu zollen scheinen, kann etwa Marina Münkler ihre Abneigung nur schwer kaschieren. Der Rechte würde sich und seinen Verlag als ärmlich hochstilisieren – „zumindest sieht es so aus“ (Die Lacher des Publikums und der Runde über diesen Kalauer erklären recht gut, warum linke Vorstellungen immer weiter an Zustimmung in der Bevölkerung verlieren). Der Gegensatz zwischen der gut gekleideten Wissenschaftlerin und den verächtlichen Äußerungen über das Aussehen der Rechten offenbart, wie wenig der herbeigeredete Dialog gewünscht ist. Aus Münklers Sicht bestehen gar an der Einordnung Kubitscheks als Intellektuellem Zweifel – entweder hat Münkler sich mit keinem Buch aus Schnellroda beschäftigt, oder sie hat nichts davon verstanden. Möglich ist beides. Zu einem kurzen Moment der Selbstenttarnung kommt es, als der Moderator Florian Werner unvorsichtigerweise die Frage an die Autoren stellt, ob sich diese im Vorfeld des Erscheinens ihres Buches denn mit Götz Kubitschek getroffen hatten – betretenes Schweigen ist die Folge. Dann fängt Per Leo zögerlich an: Man habe sich nur nach Vollendung des Buches mit Kubitschek punktuell unterhalten – peinlich und entlarvend.

Wer spricht denn nun mit ihnen?

Den letzten Teil des Abends bildete das offene Gespräch, in das nun auch das anwesende Publikum mit einsteigen konnte. Als angekündigter „Höhepunkt“ enttäuschte dieser Abschnitt leider, da wenig neue Ansätze besprochen wurden. Umso deutlicher zeigte sich im persönlichen Gespräch mit Wissenschaftlern und Autoren, dass sie zwar viel Mühe in die Dekonstruktion rechter Taktiken investiert hatten – ein praktischer Ansatz, wie man den bösen Rechten beikommen sollte, ohne dass die entweder als stilisiertes Opfer oder als inhaltlicher Gewinner vom Platz gehen, fehlt. Das zeigt letztendlich die Nutzlosigkeit solcher Veranstaltungen, da diese in letzter Konsequenz nur der Beruhigung des eigenen Klientels dienen. Das ist insofern tragisch, da die Autoren sicherlich keine Dummköpfe – im Gegenteil: sie kokettieren geradezu mit den konservativen Zügen eines Bildungsbürgers – sind und viele der entdeckten Mechanismen durchaus der Wirklichkeit entsprechen. Nur „mit Rechten reden“ will keiner. Denn die könnten ja recht haben und das will ja auch niemand.

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